Das Oldenburger Münsterland ist bekannt für seine Hühnerbarone, eher weniger für Schwielensohler. Aber das muss ja nicht so bleiben.
„Kamele sind Luxusgüter”, sagt Birgit Maria Kemphues in einer der Wüsten von Dubai, „die wollen gepflegt sein. Kamele stehen ja hier an erster Stelle, noch vor den Frauen.” Kemphues hat einen Wegwerf-Overall übergezogen und tragt einen Massagehandschuh.
Das Luxusgut neben ihr macht jetzt ein Geräusch wie aus „Jurassic Park III”. Wööööörrhhh. Ein Dino-Brüllen, das aus den Tiefen jenes mächtigen Körpers kommt, der da im Wüstenstaub liegt, klatschnass, etwas schaumig und sehr weit entfernt vom Münsterland. Das Kamel heißt al-Dahab, das Goldene, es hat sanfte, etwas milde Augen und eine stark ausgeprägte Unterlippe. Wer den jungen Deutschen Film liebt, muss jetzt an Rüdiger Vogler denken.
Birgit Kemphues denkt nicht daran. Die 43-jährige Geschäftsfrau aus Kemphausen bei Damme, Landkreis Vechta, leidet. Sie leidet an dem Schweiß, der ihr in die Augen trieft, und an der Sonne. Vor allem aber leidet sie unter dem Anblick der Kamelhaut, wie sie in vielen Farmen der Vereinigten Arabischen Emirate anzutreffen ist.
Denn nicht alle Kamele werden auch wie Luxusgüter behandelt. Die meisten Tiere laufen frei herum und fressen, was in den Weiten der Wüste herumliegt. Plastiktüten aus Supermarkten etwa. Das Phänomen hat so zugenommen, dass die Regierung bis 2013 ein Verbot von Plastiktüten durchsetzen will, inschallah.
Auch mit dem Fell der Kamele steht es nicht zum Besten. „Die meisten Farmer waschen ihre Tiere mit ordinärem Waschpulver und Haarspray”, so Kemphues. „Das greift die Haut an und das Fell. Stellen Sie sich einfach Schuppenflechte vor.”
Deshalb gibt es nun „Wilms Camel Shampoo” aus dem Extrakt von Kiefernkernholz, Kokosnussöl, Kamille und deutschem Kristallsalz, entwickelt vom Bad Essener Unternehmer Heinrich Wilms. „Alles auf organischer Grundlage”, sagt Kemphues, und dass die Kiefer als solche ein sehr gesunder Baum sei.
Sie wischt sich mit dem Handschuh die Haare aus der Stirn: „More water, Samir.” Ein Kamelpfleger aus Bangladesch dreht den Schlauch auf. Kemphues gibt noch etwas Shampoo aufs Fell („Eine Kappe für ein großes Kamel”) und fängt an, kreisförmige Bewegungen mit ihrem Handschuh zu machen. Das Kamel riecht jetzt ein wenig nach Münsterlander Wald und Bio-Sauna.
Al-Dahab ist eingeschäumt. Das Tier liegt mit eingezogenen Vorder- und Hinterläufen auf dem Boden, macht wieder seinen Saurierton und will nicht mehr nass sein.
Natürlich ist das nur ein Vorführtermin, eine Produktpräsentation, um die Kamelfarmer von den Vorzeigen des „Wilms”-Shampoos zu überzeugen. Kemphues hat anderthalb Millionen Euro in die Entwicklung der nachhaltigen Kamelwäsche investiert. Allerdings kein eigenes Geld.
Die Anschubfinanzierung sei von höchster Stelle gekommen, erzählt sie. Aus der Familie des Emirs. Aus jenen Herrschaftsregionen, wo für ein Kamel einige Millionen bezahlt werden und man die Renntiere von Reitrobotern in Form halten lässt.
Birgit Kemphues sagt, sie habe im Münsterland auch eine Bio-Kameldecke entwickeln lassen, mit Kiefernraspeln gegen Milben. Für den hiesigen Markt müsse sie aber nachbessern: „Da muss dann eben noch Satinband an die Decke.” Wööööörrhhh. Geduld, al-Dahab.
Gleich wird das Tier noch mit „Wilms PineFauna Aufbaugel” eingecremt, ebenfalls „Made in Osnabrück” und sehr organisch: „Ich benutze es ja auch.”
Seit sieben Jahren lebt Birgit Kemphues aus Kemphausen in den Arabischen Emiraten, sie unterrichtet „Eventmanagement” an der Universität von al-Ain und hat jetzt ein Vertriebssystem für das Shampoo aufgebaut. Sie hat sich durchboxen müssen, als alleinstehende Norddeutsche in der Wüste. „Jeder Tag hier ist interkulturelles Training”, sagt sie. Aber jetzt wolle sie gar nicht mehr weg.
Das geht manchen Deutschen so. Eine Allgäuer Tierärztin, die über Fußerkrankungen von Jagdfalken promovierte, leitet heute das Falken-Hospital in Abu Dhabi. Die erste Kette von Bio-Supermärkten wird gerade von einem Deutsch-Syrer aufgebaut. Und eine Ravensburgerin ist seit Jahren als „Kamel-Uschi” bekannt, inzwischen hat sie ihre eigene Karawane.
Deutschland ist nicht mehr nur das Land der Maschinen und Autos. Längst ist es eine Hegemonialmacht in grünem Weltanschauungsbedarf geworden, von Windkraft bis zu Körnermühlen. Die neue Sanftheit der Deutschen hat etwas Missionarisches, aber schließlich geht es ums Überleben der Spezies.
Kemphues gehört nicht zu den Öko-Predigern. Sie ist Geschäftsfrau. Und sie ist in diese Tiere vernarrt. „Es sind sehr sensible Wesen. Sie kommunizieren miteinander”, sagt sie und macht ein paar rollende R-Laute. Al-Dahab versucht, sich aus seiner Brathähnchen-Position zu befreien, aber wird vom Bangladescher wieder auf den Boden gezogen: erst noch trocknen.
Kemphues sagt, man merke es den Tieren an, wenn sie gut gewaschen seien: „Wenn sich ein Kamel nach der Wäsche wohlfühlt, dann hört man das. Es hoppelt vor Freude und wirft die Hinterbeine hoch.” Sie mag diese Tiere. Vielleicht ist es doch der Rüdiger-Vogler-Blick.
Hier geht es zum Film:"Schäumende Luxusgüter".